Euhemerismus

Meine persönliche theologische Überzeugung ist der Euhemerismus: dies ist die Einsicht, dass Götter hochverehrte und angebetete Frauen oder Männer der entfernten, prähistorischen Vergangenheit sind, Herrscher, Helden, Entdecker, Lehrmeister oder Patriarchen der Vorzeit.

Diese Bezeichnung geht zurück auf den hellenistischen Philosophen Euhemeros aus Messina, der um 300 v. Chr. lebte. Euhemeros verfasste auf Griechisch eine Erzählung namens „Ἱερα αναγραφή“ („Hiera Anagraphe“ = „Heilige Schrift“ oder „Heilige Inschrift“) über eine Reise zu der (utopischen oder auch realen) Insel Panchaia, welche dann als „Sacra historia“ von Ennius ins Lateinische übersetzt wurde. In der Antike soll dieses Buch bekannt und durchaus populär gewesen sein, aber heute sind daraus nur noch Fragmente erhalten, griechisch zwei längere überarbeitete Exzerpte bei Diodoros (Buch V, 41-46 und Buch VI, 1) sowie ein paar kurze aus der lateinischen Übersetzung zitierte Sätze, die im BuchDe falsa religionedes Laktanz enthalten sind.

Die hier beschriebene Reise führt uns in die Heimat des Gottes Zeus, der erkannt wird als hochverdienter verstorbener König eben dieser Insel Panchaia im indischen Ozean (eventuell die sogenannte „Insel des Glücks“, das heutige Sokotra), ebenso wie auch seine Vorgänger und Vorfahren Kronos und Uranos. Es wird auch das Grab des Zeus beschrieben, das sich bei Archanes nahe Knossos auf Kreta befinden soll.

Euhemeros entwickelte aber diese Einsichten nicht als Erster, man findet ähnliches früher schon bei Xenophanes, Prodikos, Hermes Trismegistus, Herodot, Hekataios und Ephoros.

Witzig ist zu sehen, wie Euhemerismus oftmals nur einseitig geglaubt wurde: ja, die Götter der anderen Religionen seien bloß Helden der Vorzeit, aber der eigene Gott sei was besonderes, anderes, übernatürliches … so z.B. Laktanz. Umstritten ist dagegen, ob Euhemerismus als Atheismus gelten soll oder nicht – es gibt antike Listen von Atheisten, in denen Euhemeros angeführt wird, aber an sich erkennt Euhemeros die Existenz der Götter ja an, nur halt in einem rational vertretbaren Rahmen, er ist m.E. also ein sogar engagierter Theist.

Es gilt nicht als Euhemerismus im engeren Sinn, dass manchmal historische Menschen (Asklepios, Herkules, Lysander, Augustus, Viracocha, katholische Märtyrer, Marx etc.) nach ihrem Tode sekundär vergöttlicht oder „zur Ehre der Altäre erhoben“ werden – der eigentliche Euhemerismus ist das grundlegende Verstehen der Götter als menschlich: also nicht, dass mancher Mensch zu einem Gott werden kann, sondern dass jeder personale Gott zunächst mal stets ein Mensch ist. Einschränkend ist allerdings zu erwähnen, dass – falls nicht eventuell Diodoros dies verfälscht hat – Euhemeros sehr wohl auch unsterbliche nicht-personale „himmlische“ Götter anerkannte, insbesondere die Sonne, den Mond, die anderen Planeten, Sterne und Winde, denen Opfer dargebracht werden.

Bislang nirgends klären konnte ich dagegen, ob es auch als Euhemerismus bezeichnet wird, wenn ein Gott auf ein nicht-menschliches natürliches Wesen der Vorzeit zurückgeführt wird – hier ist an die Eventualität nicht-menschlicher ausserirdischer Raumfahrer zu denken, aber auch an die Möglichkeit nicht-menschlicher irdischer Wesen, wie z.B. Tiger, Bären, Affen, Elefanten, Drachen. So ist der Cthulhu-Kult um die „Großen Alten“ offenbar auf lebende oder ausgestorbene Cephalopoden ähnlich dem Architeuthis zurückführbar.

Cthulhu Figur
Cthulhu-Kultfigur

Es gibt ein älteres Vorbild für die Begegnung von Moses und Jehova am brennenden Dornenbusch, und das ist der ägyptische Bericht des Schiffbrüchigen, der sich im indischen Ozean auf die Insel des Ka gerettet hat und dort den vereinsamten Gott Re antrifft, der mit ihm spricht – überliefert auf einem Papyrus aus der 12. Dynastie am Ende des Mittleren Reiches. Der Gott erzählte diesem Schiffbrüchigen, dass er der einzige Überlebende einer großen Götterfamilie ist, die durch einen Meteoriteneinschlag ausgelöscht wurde, alle ausser ihm. Dieser Gott wird als eine goldene Drachenschlange beschrieben, vom Typ eines chinesischen Long, und ich vermute stark, dass es sich auch bei Jehova um einen ähnlichen Long gehandelt haben könnte – vielleicht gab es ja doch weitere Überlebende. So wird vom ersten Anblick des Gottes berichtet:

eine Schlange war es, die da kam.
Sie war 30 Ellen lang,
ihr Bart war grösser als zwei Ellen.
Ihre Glieder waren goldbedeckt,
ihre Augenbrauen aus echtem Lapislazuli,
und sie war nach vorne aufgerichtet.

„Long“-Drachen-Darstellung im Beihai-Park in Peking (glasierte Kacheln, 1756)

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